Ein Erfahrungsbericht

„Madou, die Welle!“ ruft unvermittelt eine Stimme aus einer Ecke des Raumes. Madou grinst, erhebt sich von seinem Stuhl, reißt die Arme über den Kopf und nach hinten, nur damit der Rest der Leute im Saal ebenfalls „la ola“, die Welle, bekannt aus den Fußballstadien weltweit, durch den Speisesaal der Jugendherberge in Idar-Oberstein wogen lässt. Denn Madou ist von Simone Rau zum „Wellenbeauftragten“ des 24. MZvD-Jugendworkshops 2016 in Idar-Oberstein gekürt worden. Als sie den ersten von zwei „JeKiMi“ – Jeder kann mitmachen – Abende im Stadttheater von Idar-Oberstein moderierte.

Madou ist einer von rd. 85 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des diesjährigen Jugendworkshops in Idar-Oberstein im Hunsrück. Wie Madou erwartet die jungen Zauberer ein Programm von Donnerstag bis Sonntag, prall gefüllt mit Eckenzauber, Workshops, Theaterabenden und kreativem Zusammensein. Aber am Wichtigsten: es erwartet ihn eine gute Zeit voller Zauberfreunde, Euphorie und nimmer müden Gleichgesinnten aus ganz Deutschland und sogar aus der Schweiz.

„Eckenzauber ohne Sperrstunde, Impro-Theater und natürlich die tolle, einzigartige Atmosphäre des Jugendworkshops in Idar-Oberstein“ – so verspricht es die Ankündigung des 24. MZvD-Jugendwordkshops in der „Magie“ in den letzen Monaten. Der Idar-Obersteiner Jugendworkshop hat meiner Meinung nach das Versprechen dieser Ankündigung in sämtlichen Belangen erfüllt.

Das Besondere an der entspannten, höchst konstruktiven Atmosphäre dieses Treffen zeigt sich auch in Details, z.B. den Regeln, die Thomas Vité zu Beginn seines Workshops aufstellt: 1. Keine Handys; 2.: Keine Kartenspiele (!). Und das Tolle daran ist: alle halten sich wie selbstverständlich an diese Regeln. Denn jeder will etwas lernen, etwas mitnehmen. Auch nach fast komplett durchzauberten Nächten bei den Vormittags-Workshops. An dieser Stelle ein großes Kompliment an die Begeisterung und die Kraft der Workshopleiter, die nicht nur viermal hintereinander (verteilt auf zwei Tage)ihre mindestens 2 Stunden dauernden Workshops mit nicht nachlassendem Elan durchführten, ihre Seminarschriften kostenlos verteilten, sondern auch noch auf der Gala am Samstagabend auf der Bühne standen. Und anschließend mit stehenden Ovationen gefeiert wurden. Nicht nur von den Jungmagiern, sondern auch von den nichtzaubernden Galagästen, den „Muggles“. Vielleicht wurden diese auch von mancher Welle, die auch während der Show über die oberen Ränge des Idar-Obersteinische Stadttheater rollte, erfasst. Auf jeden Fall aber von den grandiosen Leistungen, die die Workshopleiter trotz anstrengender Tage und langen Nächte auf der Bühne ablieferten.

Überhaupt, die Workshops: Allesamt theoretische Themen. Die Teilnehmer hochkonzentriert bei den Ausführungen, engagiert bei praktischen Übungen und fast schon erschreckend kreativ bei der Entwicklung spontaner Darbietungen oder rasch erdachter Tricks mit ungewöhnlichen Requisiten. Dabei spielen Tageszeit und körperliche Verfassung offenbar keine Rolle, alle waren erfasst von einer Welle der Freude an intensiv gelebter Zauberkunst.

„Kreativität in der Zauberkunst“: Unter diesen Titel stellte Markus Zink seinen Eröffnungsvortrag und seinen Workshop. Wer die Zink‘ schen Darbietungen schon einmal sah, kann sich sehr gut vorstellen, dass Markus zu diesem Thema einiges zu sagen hat. So illustrierte er während seines Vortrags das Thema mit zahlreichen Kunststücken aus seinem aktiven Repertoire, die er, passend für seine Bühnenfigur aus Standardrequisiten umgestaltet oder umgebaut hat. Kreativität als Prozess: Er verdeutlicht dies anhand von „Bastelkästen“, in denen die Ergebnisse von Umbauten und Experimenten von/an Requisiten oder Tricks lagern, aus denen im Lauf der Zeit möglicherweise neue, praktikable Lösungen wachsen. Wie zum Beispiel seine imposanten Ideen rund um den Zauberwürfel. Im Workshop geht er diesen Weg mit den jungen Teilnehmern weiter: Neben der Erläuterung von Präsentationsdetails (zum Beispiel: wie trete ich auf, wie gehe ich mit Pannen um), die auch gleich praktisch geübt werden, fordert er den Teilnehmerkreis zu spontaner Kreativität auf, sei es mit Darbietungen, in denen Licht und Musik einen Zaubertrick fokussieren, sei es mit dem Entwickeln von Tricks oder Darbietungen mit Papiertüten und beliebigen Gegenständen aus der Jugendherberge. Seinen ganzheitlichen und umfassenden Ansatz illustriert er dadurch, dass er den jungen Zauberern dazu Anregungen aus Zauber- aber auch aus Bild- und Kunstbänden zur Hand gibt.

Überhaupt durchzieht das Thema „Kreativität“ wie ein roter Faden alle Workshops. So sollen die Workshopler bei Thomas Vité nach kurzer Vorbereitungszeit dem Rest der Gruppe kommunizieren, warum ein, ihnen zufällig in einer „Wundertüte“ an die Hand gegebener Gegenstand von besonderem Interesse sein soll.

„Lochanordnung quer zum Wärmstrom“ ist ein Satzfragment, das wohl keiner der Teilnehmer beim Gaston-Workshop so schnell vergessen hat. Man übte Schauspieltechniken wie das „Spiegelspiel“, flüsterte, schrie, weinte und sang dem Nebenmann eingangs erwähntes Satzfragment ins Gesicht und jagte bei Impro-Übungen quer durch den Gemeindesaal. Denn der Workshop stand unter dem Titel „Körpersprache für die Bühne“. Neben den praktischen Übungen, die insbesondere darauf abzielen, sich auf den Mitspieler einzulassen und auf dessen Aktionen zu reagieren, beantwortete Gaston Fragen zu praktischen Auftrittssituationen wie die Techniken des Auftritts, des Abgangs (und das nicht nur auf Bühnen sondern auch in Wirtshaussälen, z.B. bei Auftritten auf Hochzeiten), der Positionen auf einer Bühne und ihrer Wirkung und Bedeutung.

Jan Logenmann (beim ersten Workshop vertreten durch Hannes Freytag) referierte über die Entwicklung „vom Trick zum Kunststück“. Grundlage war ein Aufsatz des spanischen Zauberkünstlers Ascanio, ein Ansatz, der auch von Darvin Ortiz aufgegriffen wird. Aufmerksam verfolgte (auch nach durchzauberten Nächten) der Zaubernachwuchs den Ausführungen, um später den Ansatz anhand zunächst einfach erscheinender Kartentricks, die zu Kunststücken zu verfeinern zu waren praktisch in die Tat umzusetzen.

Den Einsatz von Sprache als Stilmittel zur Gestaltung magischer Wunder in den Köpfen der Zuschauer, Anmerkungen zu „Kommunikation“ und den Arten von Kommunikation und die Interdependenz der Einzelfaktoren des situativen Rahmens waren Schwerpunkte des Workshops von Thomas Vité. Auch hier gab es Gelegenheiten, das Gehörte kreativ in die Tat umzusetzen. Dazu wurden die in „Wundertüten“ angereichte Alltagsgegenstände zum Mittelpunkt spontaner Szenen und Dialoge.

Die Beschreibungen zeigen: Zaubertricks oder -techniken haben wir bei den Workshops nicht schwerpunktmäßig gelernt. Stattdessen Techniken der Kommunikation, der Körpersprache, des Aufbaus von Kunststücken und der Kreativität. Techniken, die nicht nur von den Workshopleitern vorgetragen sondern von der Zaubermeute gleich ausprobiert und gespielt werden. Die auf diese Weise wirksam und nachhaltig vermittelt werden. Liegt der neu gelernte Trick möglicherweise nach drei Wochen im Zauberschrank, regen die vermittelten Ideen und Techniken dazu an, sich selber zu reflektieren, Ideen zu entwickeln und kreativ nach Lösungen für gestellte Probleme oder gar nach neuen Problemen zu suchen. Dinge also, die gerade zu Beginn eines hoffentlich langen Zauberweges oft nachhaltiger wirken als die achte Version des second deals.

Einige Anmerkungen zu den Rahmenbedingungen, unter denen ein so lebendiges, fröhliches Treffen stattfindet: Die Jugendherberge in Idar-Oberstein, hoch über der Stadt auf einem Berg gelegen mit schönem Blick über Stadt und Tal, ist an den Workshop-Tagen nur für die Teilnehmer geöffnet. Wir sind unter uns und können uns selbst, unzählige Spielkarten und die unterschiedlichsten Zauberrequisiten im ganzen Haus verteilen. Die Organisation ist nahezu unsichtbar, aber bei Nöten und Fragen jederzeit präsent: Das Orga-Team harmonisiert und ist nach vielen Jahren Workshop-Erfahrung so aufeinander eingespielt, dass die Teilnehmer von der gut laufenden Organisation so gut wie gar nichts mitbekommen. Was auch für die glänzend aufeinander abgestimmte Saaltechnik zutrifft. Das Regie- und Technikteam macht eine ausgezeichnete Arbeit, an zwei JeKaMi Abenden und bei der Show am Samstag gab es keinen einzigen Aussetzer von Ton, Licht und Regie. Und das ist, wie ich es aus eigener Erfahrung weiß, tatsächlich keine Selbstverständlichkeit. Haus, Orga-Team, Regie- und Technik-Team und das Stadttheater sind nach meinen Beobachtungen ideal aufeinander eingespielt.

Jeden einzelnen Beitrag der beiden JeKaMi-Abende aufzuzählen wäre müßig. Jeder dieser Abende hatte seine Höhepunkte, sei es die erste „Welle“ (die bedarfsweise auch abgekürzt als „halbe Welle“ an den mittleren Saalreihen stoppte), die von Simone Rau gestartet wurde, über eine Geldzauberei von Daniel Dück und Becherspielvarianten von Philipp bis hin zur Uraufführung der neuen Bühnendarbietung von Patrik Lehnen rund um einen Schreibtisch. Viele der Auftretenden nutzten während des Wochenendes die Gelegenheit, sich bei den Zauberkollegen Feedback zu ihren Auftritten zu holen. Insbesondere Ebs Riese bot diese Gelegenheit, da er parallel zum Workshopgeschehen Einzelcoachings anbot und durchführte.

Moderiert von Sven Heubes bildete die Gala am Samstagabend den Höhepunkt des Wochenendes. Neben den Workshopleitern Thomas Vité, Jan Logemann, Markus Zink und Gaston/Jaqueline war Stefan Pütz als zaubernder Bühnentechniker zu sehen. Der anschließende Empfang beim Oberbürgermeister zeigt die Verbundenheit der Gemeinde mit der Zauberjungend und die Freude der Idar-Obersteiner an der Zauberei. Immerhin war die Gala am Samstagabend ausverkauft. Und wer nach der Gala nicht beim Eckenzauber saß oder in der Bar der Jugendherberge fachsimpelte konnte die nächtlichen Impro-Theater Sessions besuchen und dort gleich mitmachen.

Es ist dieses Hochgefühl, ein Glücksgefühl, das mich, trotz Übernächtigung während der Heimfahrt nicht müde werden lässt. Und auf der Heimreise stelle ich mir vor, wie es wäre, würde diese Welle auch in die Ortszirkel schwappen, würden die älteren, die routinierten, die erfahrenen Zauberfreunde sich dieser Jugend annehmen, und sei es nur ein- oder zweimal im Jahr. Oder die jährlichen Jugendmeisterschaften besuchen. Wenn Argumente, keine Zeit zu haben, wenig Zugang zu jungen Leuten zu haben oder gar: kein Lehrer zu sein mal zur Seite treten und nur den Zauberer oder zauberbegeisterten großen junggebliebenen Zauberenthusiasten freilegen. Wir hätten in unseren Ortszirkeln bestimmt weniger Probleme, Vereinsnachwuchs zu finden. Mehr noch: Ich glaube, dass uns die Weitergabe unserer Erfahrungen und unserer Liebe zur Zauberkunst ein ähnliches Hochgefühl schenken kann, wie es sich in der Welle unter den jungen Zauberern Bahn bricht.

Frank Moll

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