Zaubersalon Wuppertal 2013 02 005Es ist wieder soweit. Dritter  Dienstag im Monat: Zaubersalon in der Bandfabrik.

Ungefähr eine Stunde bevor die ersten Gäste eintreffen, betrete ich die ehemalige  Fabrik in der Schwelmer Str. 133 in Langerfeld.

Der Künstler ist schon vorbereitet und gibt Anweisungen für Beleuchtung und Musik. Es ist Jan Forster aus Göttingen, Profizauberer seit gut 30 Jahren und seit zehn Jahren einer der besten Mentalisten der Welt. Er ist kein Hüne, sieht aber blendend aus. Ein schlanker dunkelhaariger Mann Mitte vierzig, dessen Äußeres erkennen lässt, dass er mit seiner Kunst die ganze Welt bereist. Was bringt jemanden wie ihn dazu, in Wuppertal-Langerfeld sein Soloprogramm vorzustellen? Es ist der reine Spaß an der Freude. Nicht die Gage steht für ihn im Vordergrund, sondern die Liebe zur Zauberei, insbesondere zur Mentalmagie. Jahrzehntelang hat er sehr erfolgreich manipuliert und auch schon mit seiner Nummer als angetrunkener Zauberer Weltruhm erlangt, doch mittlerweile langweilt ihn die „normale“ Täuschungskunst. „Zauberer wollen immer zu viel beweisen“, sagt er. „Sie zeigen eine Kiste leer, produzieren daraus einen Blumenstrauß und zeigen sie dann noch mal leer.“ Für ihn ist die Magie subtiler.

Zaubersalon Wuppertal 2013 02 012Als pünktlich um 20.00 Uhr die Show beginnt, ist die Lokalität bis auf den letzten Platz gefüllt und etliche verfolgen das Ereignis stehend vor der Theke und im Eingangsbereich. Reiner Walter, Mitglied des Magischen Zirkels, kündigt Jan Forster mit seinem Programm „Mit allen Sinnen“ an und warnt das Publikum schon einmal vor: „Immer wenn wir uns trafen und er uns etwas vorgeführt hat, haben wir anschließend gesagt: Ne! Dat geht nich.“

Temperamentvoll betritt Jan die Bühne und stellt sich als Mentalist vor. Er redet schnell und witzig, ist ständig unterwegs. Mit seinen Gesten nimmt er alle Zuschauer ein. Seine Sprache ist deutlich, die Kommentare oft keck. Nur wenn er Gedanken wahrnimmt, kommt er ins Schlingern, scheint zu sehen, verwirft wieder, es sind eben feinstoffliche Dinge, denen er da in den Köpfen seiner Gäste begegnet. Judith, eine junge Dame, die leider nur einen Stehplatz  ergattert hat, soll eine zweistellige Zahl notieren. Der Zettel kommt in die Tasche und wird nicht mehr benötigt. Erst zaghaft, dann immer sicherer werdend, schreibt Jan Forster die Zahl 24 in die Luft, während er der verblüfften Judith in die schönen Augen blickt.

Barbara und Bernd, ein Ehepaar aus der ersten Reihe, das nicht verheiratet ist, muß auf die Bühne. Ein großer Würfel  und ein Becher stehen dort für sie bereit. Sie sollen nicht würfeln, sondern die Zahl nach oben legen, von der sie glauben, dass der Partner sie wählen würde. Wieder mittels Augenkontakt, die Zahlen von 1 bis 6 murmelnd, erkennt der Künstler zweimal, anhand der Reaktionen, die oben liegende verdeckte Zahl.

Zaubersalon Wuppertal 2013 02 021Das alles geht schnell vor sich. Forster beweist, dass Mentalmagie, der oft das Attribut der Langeweile anhaftet, durchaus spritzig vorgeführt werden kann.

Nun beginnt eine Schlüssellotterie, in deren Verlauf immer wieder Schlüssel eliminiert werden, welche Jan für die falschen hält. Am Klang, behauptet er, hört er das. Und wir glauben ihm, obwohl es sich für uns jedes Mal wie Fis-Moll anhört, wenn Conni aus der dritten Reihe eines der Schlüsselchen an ein Glas schlägt. Unnötig zu sagen, dass am Ende des ersten Showabschnittes der letzte Schlüssel passt und die Zuschauerbrieftaschen wieder freigibt, die in einer Kiste eingeschlossen waren. Doch während ein Schlüssel nach dem anderen ausgesondert und durch einen kleinen Schlitz in die Box geworfen wird, passieren noch andere Wunder.

Melina kommt nach vorne und darf sich eine lange Praline mit dem Künstler teilen. Dies geschieht, laut Forster, „um unsere Geschmacksnerven auf ein Level zu bringen“. Dann wählt sie aus fünf Getränken eines aus, während der Gedankenmagier sich abwendet. Als sie in seine Nähe zurückkommt, scheint er die Witterung aufzunehmen. Schnalzend und schmatzend kommt er zu dem Ergebnis: „Himbeere.“ Es stimmt. Doch damit nicht genug.

Zaubersalon Wuppertal 2013 02 039Zwei Getränke, die Melina an Zuschauer verteilt, werden ebenfalls erschmeckt und schließlich stellt sich heraus, das eine Vorhersage der gesamten Situation in einem Umschlag steckt, der von einem Zuschauer bereitgehalten wird. Spätestens jetzt ist jedem Laien klar:

Das ist eine Art von Zauberei, wie sie die Bandfabrik noch nicht erlebt hat.

Auch die Zauberer, und nicht wenige sind heute Abend hier erschienen, um einen ganz Großen ihrer Zunft zu erleben, stehen vor einem Rätsel.

Jan Forster freut sich selbst über jedes Experiment. Er bringt die Astrologie ins Spiel und errät flott die Sternzeichen von Frank und Thorsten. Ist das abgesprochen? Nein. Ist es nicht. Er hat einen Ausschnitt aus einer Frauenzeitschrift dabei. Horoskope. Die Farbe des Skorpions ist blau und die Zahl des Löwen ist  25. Die beiden haben das vorher frei gewählt. Und weiter geht’s: Thorsten denkt an eine Spielkarte, nennt sie nicht einmal. In einem Kartenspiel findet sie sich an 25. Stelle. Stille im Saal. Dann tosender Beifall, wie eine Explosion.

Mit drei weiteren Zuschauern spielt er Stadt, Land, Fluss, und anhand einiger Fragen zu deren Person schließt er auf Lissabon, Dubai und Ganges. So unterhaltsam kann Mentalmagie sein.

In der Pause wird wenig getrunken, dafür aber viel geredet. Es besteht Diskussionsbedarf, es staunt der Fachmann und der Laie wundert sich.

Mit „Omas Kramkiste“ beginnt Jan Forster seinen zweiten Showabschnitt. Insgesamt fünf Zuschauer dürfen sich eines der Erinnerungsstücke aussuchen, die der Künstler von seiner Großmutter geerbt hat. Obwohl sie sie in ihren Taschen verbergen, kommt Jan ihnen jedes Mal auf die Schliche, denn er fragt sie ein wenig aus, schätzt ihre Vorlieben ein und schlägt dann zielsicher zu. Angewandte Psychologie? Kombinationsgabe? Ein bisschen erinnert er jetzt an Sherlock Holmes.

Buchtests zeigen viele Mentalisten. Aus einem Buch wählt ein Zuschauer ein Wort, das der Magier dann errät… Aber fünf Bücher, fünf Teilnehmer…?

Zaubersalon Wuppertal 2013 02 066Jan Forster macht es möglich. Ich stehe direkt daneben, als er Alexandra ins Hirn zu kriechen scheint. An eine Axt hat sie gedacht. Jan kommt nicht sofort darauf, über Umwege tastet er sich heran, und gerade das macht es so echt. „Ein Wald, Du hältst etwas in der Hand, etwas schweres…“ Er fasst dabei ihre Hände, scheint das Gewicht und die ungefähre Größe des Objektes zu spüren, so wie ich die Erregung von Alexandra spüren kann. Sie ist wirklich berührt, fast ein wenig ängstlich. Magie wird fühlbar, mit allen Sinnen.

Doch dann gerät der Meister der Gedanken in Verwirrung. Er fühlt sich unwohl. Irgendetwas stört immer wieder. Es kommt von ganz hinten, fast aus der letzten Reihe. Es sind die Gedanken von Bettina, die gar kein Buch erhalten hat, die aber trotzdem mitdenkt. Fast vorwurfsvoll ruft er ihr zu: “Hör auf, ständig an Perlenkette zu denken!“ Der Dame klappt die Kinnlade herunter. Unnötig die Bestätigung. Es stimmt. Jetzt wird es einigen im Raum mulmig.

Aber schnell kehrt Jan zur Komik zurück. Norbert und Uschi, wieder ein unverheiratetes Ehepaar, sollen sich konzentrieren. Norbert auf ein Wort aus seiner Schulzeit, das er sich an der Tafel vorstellt, Uschi an den Namen ihres ersten Kusspartners und wie alt sie damals war.

Alles wird von den beiden notiert und in Umschlägen verwahrt, die nie wieder geöffnet werden. Eigentlich wundert sich niemand mehr, als Forster die Dinge nennt, jeder weiß jetzt, dass er das kann. Aber wie zum Teufel macht er es?

Zaubersalon Wuppertal 2013 02 094Rücken an Rücken mit Holger zeichnet er simultan etwas auf einen Block. Als Beide ihre Zeichnungen umdrehen, bricht tosender Applaus los. Hundertprozentige Übereinstimmung! Jan Forster hat mittlerweile gut ein Drittel der Anwesenden in sein Treiben mit einbezogen und alle anderen an ihrem Verstand zweifeln lassen.

Den Abschluss seines Programms bildet ein Kartenexperiment, zu dem er noch einmal drei Zuschauer auf die Bühne bittet. Die Karten werden willkürlich an die Mitspielenden verteilt und jeder nimmt sich aus seinem Stapel eine Karte. Ohne sich die Karten auch nur einmal anzusehen, findet Jan Forster die Zuschauerkarten heraus, ja er weiß sogar, welcher Zuschauer welche weiteren Karten in seinem Päckchen hält.

Stehende Ovationen sind die Reaktion auf dieses einmalige Soloprogramm. Klar, dass Jan Forster noch eine Zugabe bereithält. Gunhild stellt sich die Münze auf ihrer Hand nur vor. Dann soll sie die Hand darum schließen, soll sie hochwerfen und wieder auffangen.

Anhand der Körperhaltung weiß er es: „Es ist das Zweieurostück.“

Morgen wird die WZ titeln: „Ein Spaziergang in den Köpfen der Zuschauer, Zaubersalon, Mentalmagier Jan Forster gab seinem Publikum jede Menge Rätsel auf.“

Ein guter Artikel von Daniela Schumacher. Endlich einmal eine Journalistin, die bis zum Schluss geblieben ist. Auch sie hat erkannt: „Für Jan Forsters mentale Kräfte scheinen mehr als fünf Sinne notwendig zu sein.“

Als ich gegen 22.30 Uhr die Bandfabrik verlasse freue ich mich auf das morgige Seminar mit Jan und hoffe, dass er mir die Sache mit den Getränken verraten wird. Um mich herum höre ich Gesprächsfetzen, die jenen köstlichen Zweifel beinhalten, der die Seele unserer schönen Kunst ist. War das noch Trick, oder war das schon mehr?

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