IMG 4453Am Dienstagabend hieß es wieder: „Vorhang auf, für den Zaubersalon Wuppertal“. Und das schon zum 67. Mal. Jora war angereist, um uns sein abendfüllendes Soloprogramm vorzustellen.

Magier, Geschichtenerzähler und mittelalterlicher Narr in einer Person, lehrte er uns, an unmögliche Dinge zu glauben. Da war zunächst ein ungewöhnliches Geschenk, das er Stefanie aus der dritten Reihe machte. Es handelte sich um eine zerrissene und wieder hergestellte Spielkarte, die allerdings falsch herum zusammengewachsen war. Danach verwandelte er einen Löffel in eine Gabel und ließ ein kleines Loch wandern. Von solchen verrückten Dingen träumt er bereits vor dem Frühstück, obwohl er weiß, dass so etwas nicht praktisch ist. Immer wieder muss er sich deshalb selbst zur Raison rufen.

IMG 4497Auch von Superhelden träumt er. Und so ist es nur logisch, dass er einen Herrn aus dem Publikum zu einem solchen machte. Obwohl dieser selbst bestimmen durfte, an welcher Stelle seines Körpers ihn die Nadel des Woodoo-Zauberers durchbohren sollte, erwies es sich, dass er, durch ein Päckchen Heftpflaster, gegen alle Angriffe gewappnet war.

Es folgte eine Seilroutine, bei der wirklich nichts fehlte, was ein Zauberkünstler mit einem Seil anstellen kann. Die Moral dahinter war allerdings eine andere. Hier mahnte uns nämlich Jora, ein gebürtiger Schwabe, dass selbst die lieblichste Prinzessin, nach Jahren des Zusammenlebens, zu einem schrecklichen Drachen mutieren kann.

IMG 4537Die Geschichte von dem bösen geizigen Mann mit dem gläsernen Herzen, erzählte er uns ebenso eindrucksvoll, wie seinerzeit der Altmeister Punx, der in den 50er Jahren die Geschichten erzählende Zauberkunst im Fernsehen zelebrierte.

Jora, Joachim Rau mit bürgerlichem Namen, ist in dieser Kunst ein echter Meister. Er zeigt nicht einfach nur Zauberkunststücke, er erzählt phantastische Geschichten und lässt deren Figuren lebendig werden. Mal flüstert er kaum hörbar, im nächsten Moment lässt er einen markerschütternden Schrei los. Dann freut er sich, wie ein Kind, um gleich darauf den Karten-Junkie zu mimen, der sich beherrschen muss, um nicht aus der Rolle zu fallen. Großartige Schauspielkunst ist hier zu erleben, die nur dadurch erreicht werden kann, dass er das, was er darstellt, liebt.

IMG 4601Mit Hilfe des Kopf-Schwerter-Kastens praktizierte er mir persönlich eine nur gedachte Spielkarte aus dem Gehirn. Ich schwöre feierlich, dass ich keinerlei Schmerzen verspürte. Nur warm war es unter dem Ding. Die Pause kam daher gerade recht, um sich abzukühlen.

IMG 4662Nachdem man wieder Platz genommen hatte, inszenierte Jora ein regelrechtes kleines Liebesdrama mit Ritter, Burgfräulein und Knappe, bei dem er selbst natürlich den Hofnarren spielte. Es erwies sich, dass letzterer ein Schelm war, und so endete das Ganze mit dem Gebrauch der gefürchteten Arm-Guillotine. Der Schelm war zwar arm dran, jedoch der Arm blieb dran, da die holde Maid ihm die Hand gehalten hatte. Lediglich halbierte Gurken purzelten auf die Bühne.

IMG 4688Dass es Feen wirklich gibt und dass diese tatsächlich Wünsche erfüllen, lehrte er uns anschließend. Und bei dieser Gelegenheit präsentierte er eine der eindrucksvollsten Ringspiel-Routinen, die jemals im Zaubersalon gezeigt wurden, zu wunderschöner Musik. Überhaupt sind Musik und Requisiten, mit denen er Stimmungen zaubert, liebevoll ausgewählt. Der Zuschauer spürt instinktiv, dass dieser Künstler es sich nicht einfach gemacht hat. Wie viele Stunden der Planung und des Suchens mögen wohl in einem solchen Programm stecken?

IMG 4725Schon als Kind, so verriet er uns, habe er davon geträumt, in der Zeit zu reisen. Damals war es verboten. Unpraktisch. So was gehörte sich in der Schule nicht. Aber hier, auf der Bühne, hier darf er es. Ein Zuschauer wählte also aus einem Stapel Sammelbildchen die Darstellung einer Blume aus. Es ist die Blume, die in dem Film „Die Zeitmaschine“ eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Während nun ein nicht enden wollender Schwall von Sand aus den magischen Händen rieselte, das Verrinnen der Zeit symbolisierend, verwandelte sich die Blume, welche man in die Zukunft geschickt hatte, in raschelnde knisternde Asche.

IMG 4744Das Puzzle des Lebens war das letzte Kunststück, das Jora an diesem Abend zeigte. Obwohl die Puzzle-Teile einen Rahmen vollständig ausfüllen, können zwei weitere Teile hinzugefügt werden, ohne den Rahmen zu sprengen. Wie ist so etwas möglich? Wo ist Magie überhaupt möglich? Nur an einem einzigen Ort. Das ist die alles entscheidende Lehre, die wir aus diesem wundervollen Abend mitnehmen. In uns selbst. In unseren Köpfen, oder besser noch, in unseren Herzen.

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