In der Oktober-Ausgabe des ZauberSalons Wuppertal waren diesmal drei ebenso unterschiedliche wie faszinierende Zauberkünstler dabei.


"Meine Frau sagt immer, 'Du bescheißt die Leute!'. Bescheißen ist so ein hartes Wort, aber trifft die Sache im Kern."

Dieses Zitat begleitete Straßenzauberer Enochians erstes Kunststück. Er versuchte mit Hilfe eines Hutes, eines Zauberstabs und einer freiwilligen Zuschauerin kleine, grüne, sozusagen "schwammige" Gedanken hin- und herwandern und sich vermehren zu lassen. Dabei betonte er vielfach sein Hauptinteressengebiet neben der Zauberei: Die Quantenphysik. Sei es nun die Darstellung des Urknalls oder der Schöpfungsgeschichte gewesen - Enochian erntete damit ertstaunte Gesichter und seinen ersten großen Applaus.

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In einer kleinen Nummer machte der Zauberer seinem Publikum eines klar: Was ein Seil mit Ehefrauen UND Angela Merkel zu tun hat - und wie man ganz dezent anzügliche Witze zur Erheiterung des Publikums erzählt, ohne dabei die Grenze zur Geschmacklosigkeit zu überschreiten. Das kann auch nicht jeder!

Das Ringspiel, so erzählte Enochian, käme ursprünglich von den traditionellen Bauchtänzerinnen. Sie haben damit vor Sultanen gezaubert – und so seien die großen Harems entstanden. Der Zauberkünstler selbst hatte aber eine andere Erklärung dafür, wie er die „Löcher mit Metall drumherum“ in seinen eigenen wie in den Händen eines Zuschauers miteinander verband und trennte: Im Licht seien die Ringe immer miteinander verbunden, aber im Schatten könne man sie trennen – das sei dann natürlich die „schwarze Magie“. Das Ganze geschah, um der Gewaltverherrlichung zu entgehen, natürlich durch Reiben, nicht durch Aufeinanderschlagen der Ringe. Eine erzählerisch toll und humorvoll vorgeführte Version eines Klassikers der Zauberkunst.

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Bei seinem letzten Trick dachte ich noch, von einem Straßenzauberer kommt die Nummer auf jeden Fall. Was ich aber von Enochian nicht erwartete, war die Erklärung: Kleine Korbbälle, die durch Becher hindurch nach oben oder unten wandern, zeigen Eindringlich das „tunneln“ von subatomaren Teilen. Wenn man Physik so betrachtet…

Wer Enochian anschaut, sieht einen, wie ich behaupten möchte, typischen Mittelaltermarkt-Zauberer vor sich, einen Taschentrickser, einen Scharlatan. Wer sich aber auf seine Erzählungen einlässt, bemerkt, dass mehr dahinter steckt: Wohl durchdachte Erklärungen, ohne tatsächlich einen Trick zu verraten; schön eingesetzte Effekte an den passenden Stellen – und einen Zauberkünstler, der die Verbindung aus Magie und Physik so überzeugend darstellt, dass ich mit Sicherheit bessere Noten in Physik gehabt hätte, wenn er mein Lehrer gewesen wäre. Zum Schluss ein Zitat, das mir, leider nur sinngemäß, in Erinnerung geblieben ist, weil es Enochians Zauberkunst so passend beschreibt: Dein Wesen und Dein Herz haben gerade angefangen zu entdecken, was Einstein Dir mit seiner Relativitätstheorie wirklich sagen will.

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Mehr Infos zu dem Straßenzauberer findet ihr unter: www.facebook.com/Enochian

 

Der nächste, aus Lüdenscheid stammende junge Zauberer war das erste Mal im ZauberSalon Wuppertal zu Gast.

Er selbst beschreibt sich als „Staubsaugervertreter“ unter den Zauberern. Ganz unrecht scheint er auf den ersten Blick nicht zu haben: Anzug, glatte Frisur, einnehmendes Wesen. Ja, so jemandem könnte man etwas abkaufen. Aber Timothy Thomson will seinem Publikum nicht etwa Staubsauger oder Versicherungen andrehen – Timothy ist Wunderverkäufer. So beginnt er seinen Auftritt auch mit dem ersten Wunder. Der Zuschauer, der an dem Umschlag in der Hand des Magiers gefühlt hatte, meinte, es sei eine Karte oder ähnliches darin; tatsächlich war es aber wohl ein Glas Sekt, das Timothy aus dem Briefumschlag zog.

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Der Zauberkünstler erzählte, er habe sich extra für diesen Abend einen neuen Anzug gekauft. Naja, gekauft ist vielleicht das falsche Wort. Besorgt. Jedenfalls konnte der Zuschauer, den Timothy zu sich auf die Bühne bat auch nicht sagen, wie man das Sicherheitsetikett entfernen sollte. Aber er konnte erkennen, dass die Aufschrift aus dem Preisschild des Anzugs exakt dem Betrag entsprach, den der Zauberer zuvor Leuten aus dem Publikum entlockt hatte.

„Wie viel ist Ihnen ein Wunder wert?“ Timothy lieh sich von einem Zuschauer einen Geldschein. 20€ waren es immerhin. Ein paar magische Gesten folgten. Und der Geldschein war verschwunden. Auf dem 100€-Schein, der auftauchte, fehlte die Unterschrift des Besitzers des 20€-Scheins, es konnte also nicht seiner sein. Was daran das Wunder war? Augenscheinlich erstmal nichts. Doch ich kann versichern: Der Geldschein tauchte wieder auf – etwas durchweicht zwar, aber er war wieder da. Was das mit Timothys mysteriöser Fragenzeichentüte zu tun hat, die der Zauberer am Anfang einem Zuschauer in die Hand drückte? Sagen wir: Einen Kern hatte die darin befindliche Zitrone nicht direkt.

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Ein bisschen kann man die Zeit anhalten, wenn man ein bisschen weniger auf die Uhr schaut. Mit diesen Worten lud der Zauberkünstler die Zuschauer auf eine Zeitreise ein. Er verbrachte zunächst seine eigene Armbanduhr in ein gefaltetes Tuch in ein Glas und erklärte dann, er wolle einen klassischen Kartentrick rückwärts vorführen. So kam zunächst der letzte Teil: Der tosende Applaus. Das kann das Wuppertaler Publikum ziemlich gut! Dann fand Timothy im noch gut nach Symbolen geordneten Spiel eine Karte wieder. Welche wusste erstmal niemand außer ihm, deshalb platzierte er die Karte am Fuß des Glases. Der nächste Schritt war: Ein Zuschauer zog eine Karte und steckte sie wieder ins Spiel. Der letzte, also erste Schritt war nun, die Karten zu mischen. Um zu sehen, ob der Trick funktioniert hatte, sollte der Zuschauer seine Karte wieder finden. Tat er auch irgendwie, aber nicht dort, wo er sie erwartet hatte. Dass es wirklich eine Zeitreise gewesen sein muss, also wir wieder am Ausgangspunkt waren, demonstrierte Timothy nicht nur durch seine Armbanduhr, die sich wieder am Handgelenk befand, sondern auch durch das eigentlich gemischte Kartenspiel, dass sich durch Magie wieder in seinen sortierten Ursprungszustand versetzte. „als hätte der Trick nie stattgefunden“.

Zu guter Letzt wollte der Wunderverkäufer den Zuschauern aber wirklich etwas verkaufen; und zwar, wie sollte es anders sein: Wundertüten. „Haben Sie schon einmal eine Wundertüte gekauft – und sich gewundert, was da so drin ist?“ Die Wundertüten bargen nämlich nicht etwa das, was die Zuschauerin auf der Bühne darin zu ertasten geglaubt hatte. Sondern mittels des Wunders, das in der Tüte stecken musste, wuchs unter anderem eine Zahnbürste zu einen Handfeger, und ein Schwamm nahm so rasant an Gewicht zu, dass aus ihm kurzerhand ein Stein wurde.

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Timothy hat sich mit seinem „Wunderverkäufer“ eine sehr individuelle und neuartige Rolle geschaffen. Er verbindet das Klischee des Staubsaugervertreters und das ein oder andere etwas eingestaubte Zauberkunststück mit seiner frischen und sympathischen Art zu etwas innovativem und höchst unterhaltsamem. Wer möchte diesem jungen Zauberkünstler nicht gerne seine Wunder abkaufen? Wer den Magier gerne wiedersehen möchte, hat auch im November beim ZauberSalon Wuppertal die Chance dazu. Zudem ist er am 18.11.2017 mit seiner noch ganz neuen Soloshow „Wunderverkäufer“ in der Integrativen Kulturwerkstatt Lüdenscheid zu sehen. Weitere Infos gibt es unter: http://timothy-zauberei.de/

oder  www.facebook.com/timothy.zauberei

 

Arnd Clever war im Pressetext angekündigt als „anders, unverschämt unaufdringlich, mitreißend magisch, natürlich niveauvoll - und mitunter musikalisch.“ Im Nachhinein muss man sagen: Stimmt. Mit seiner ganz speziellen Art, Zauberei, Comedy und Musik miteinander zu verbinden, hat der ebenfalls aus Lüdenscheid stammende Zauberkünstler das Publikum unterhalten.

Ob sich der „cleeevere“ Magier direkt Freunde damit machte, in Anlehnung an den „Magier mit der Maske“ einen Trick verraten zu wollen, mag dahin gestellt sein. Wie er aber ein Tuch in ein Holzei „zauberte“, war nach seiner Erklärung jedem geläufig. Wie er allerdings beim dritten Durchgang den hervorschauenden Tuchzipfel einfach abzog und ein echtes Ei in der Hand hielt, dass er sogar aufschlagen konnte, war trotz genauem Zusehens nicht zu erkennen. Ob es an dem TaMü (TaschenMüll) lag, dass der Zauberer statt Zaubersalz zu verwenden vorschlug?

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Bereits für die nächste Illusion gebrauchte Arnd sein mitgebrachtes Technikspielzeug: Die Loop-Station. Ein Gerät, mit dem er einzelne Geräusche und Textpassagen aufnehmen und in einer Endlosschleife abspielen kann. So „zauberte“ er kurzerhand ein Lied aus der Ültje-Werbung ins Mikrofon (das leider wie angekündigt großes Ohrwurm-Potential hat). Zu diesem Lied zeigte der Zauberkünstler einen Seiltrick mit Schlaufen, Knoten und nicht ganz sauberen Reimen. Der Elefant, der dabei entstand, so erzählte der Magier nach der Show, sei übrigens beim ersten Mal nicht geplant gewesen. „Ich hatte die drei Schlaufen geknotet. Alle Zuschauer haben gelacht, und ich wusste nicht warum.“ Seitdem gehört der Elefant aber zu der Nummer dazu, „auch wenn ich den Text ändern musste.“

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Mit seiner nächsten Nummer hat Arnd es geschafft, einen der, wie ich behaupten möchte, am schwierigsten zu verpackenden Zaubertricks, einen tollen Anstrich zu verleihen. So wurde der „Bömmelstab“ Gegenstand eines Liedes, das irgendwie skurill, aber zum Schreien komisch war. Eine großartige Leistung!

Der folgende Scherenschnitt, der auf magische Weise zwei Papierherzen miteinander verband, war fast irgendwie romantisch, und auch die nachfolgende Nummer war ziemlich niedlich: Die „Wuppertaler Knuddelelfen“, die man nur sehen kann, wenn man noch nie gelogen hat, die man aber durch Wurf in eine Tasche hörbar machen konnte, leiteten die letzte Nummer des Zauberkünstlers ein. Er bat eine Zuschauerin darum, in einem unsichtbaren Kartenspiel eine Karte umzudrehen und das Spiel dem Zauberer zurück auf die Bühne zu werfen. Anders als die Knuddelelfen konnte man das Kartenspiel aber sehen, als er aus der Tüte holte. Was aber noch erstaunlicher war: Die ausgewählte Karte war im Kartenspiel tatsächlich umgedreht.

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Arnd Clevers Zauberei ist irgendwie anders, als man von dem relativ unauffälligen Mann in den orangen Schuhen erwarten würde. Der Künstler, der über sich selbst sagt „Ich bin nicht der beste Sänger und nicht der beste Zauberer, aber…“ hat mit seinem Auftritt eine neuartige Form der Zauberei gezeigt, die es ihm ermöglicht, altbackene Kunststücke in einem neuen Licht erstrahlen zu lassen, das dazu einlädt, genau hinzusehen – und hinzuhören!

Arnd tritt neben Mixshows auch mit seinem Soloprogramm „Der Ton macht die Musik“ auf deutschen Kleinkunstbühnen auf. Zudem ist er Mitglied des zaubernden Vocalensembles „AbraCappella“. Mehr Infos findet ihr unter www.clever-entertaint.de oder www.facebook.com/cleverswelt

Zum Schluss verlangte das Wuppertaler Publikum eine Zugabe, bei der Enochian in einem wirklich wild gemischten Kartenspiel die Karte eines Zuschauer als einzige umgedreht wiederfand, Arnd abermals mit einem musikalisch untermauerten Seiltrick die Zuschauer begeisterte und Timothy einen Close-up-Trick vorführte, bei den die Karte eines Zuschauers anderen in den Händen mehrerer anderer Zuschauer als einzige nicht gänzlich erblasste.

Es war ein zauberhafter, faszinierender und lustiger Abend, der mal wieder unter Beweis gestellt hat, dass Zauberkunst zu mehr fähig ist als angestaubten Klischees und öden monotonen Vorstellungen. Und dazu braucht es keine große Kisten, Assistentinnen oder Tiger – sondern einzig die richtigen Künstler auf einer tollen Bühne!
 

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